Den Gebäu­de­be­stand wie eine Fahr­zeug­flot­te denken

 

Nürn­berg, März 2026 – Wer sei­ne Immo­bi­li­en nach­hal­ti­ger machen will, soll­te nicht mög­lichst viel, son­dern das Rich­ti­ge sanie­ren. Dabei hilft es, sich das Gebäu­de­port­fo­lio wie eine Fahr­zeug­flot­te vor­zu­stel­len. War­um, erklärt Oli­ver Jain­ta in sei­nem Beitrag.

Die Idee für einen neu­en Ansatz im Immo­bi­li­en­ma­nage­ment ent­stand vor vie­len Jah­ren in einem Gespräch mit der Lei­te­rin der Lie­gen­schafts­ver­wal­tung einer gro­ßen deut­schen Uni­ver­si­tät. Sie ver­ant­wor­te­te mehr als zwei­hun­dert Gebäu­de – vom his­to­ri­schen Hör­saal bis zum moder­nen Labor.

Ihre Auf­ga­be war klar: Prio­ri­tä­ten set­zen, Sanie­run­gen pla­nen, die Treib­haus­gas­zie­le der Bun­des­re­gie­rung errei­chen. Doch ihre Werk­zeu­ge bestan­den aus Tabel­len, Insel­lö­sun­gen und ver­streu­ten Infor­ma­tio­nen. Ent­schei­dun­gen wur­den zum Rate­spiel. Dann sag­te sie einen Satz, der bis heu­te nach­hallt: „Eigent­lich funk­tio­niert das wie beim Flot­ten­ver­brauch. Nicht das bes­te Ein­zel­au­to zählt, son­dern die Leis­tung der gesam­ten Flot­te.“ Die­ser Gedan­ke trifft den Kern nach­hal­ti­gen Port­fo­lio­ma­nage­ments. Er erklärt, war­um ein­zel­ne Sanie­run­gen oft teu­er sind, aber wenig bewir­ken – und war­um der Blick aufs Gan­ze mehr erreicht als jede Einzelmaßnahme.

Was damals in der Uni­ver­si­tät sicht­bar wur­de, fin­den heu­te vie­le Ver­ant­wort­li­che in ihren Bestän­den wie­der – in Kom­mu­nen, bei Ver­si­che­run­gen, Immo­bi­li­en­fonds, Ban­ken, Fami­ly Offices und an gro­ßen Unter­neh­mens­stand­or­ten. Die Aus­gangs­la­ge ist über­all ähn­lich: ver­al­te­te Sys­te­me, unein­heit­li­che Daten, feh­len­de Inte­gra­ti­on mit Dienst­leis­tern. Vor allem aber fehlt eine kla­re Sicht auf das Port­fo­lio und sei­ne Stellhebel.

 

Her­aus­for­de­rung 1: Insel­wis­sen statt Über­blick
In vie­len Port­fo­li­os lie­gen Bestands­plä­ne, War­tungs­un­ter­la­gen, Ver­brauchs­da­ten und Zustands­be­rich­te vor – aber sel­ten dort, wo sie gemein­sam wir­ken kön­nen. Men­schen suchen Daten, statt Mus­ter zu erken­nen. Doch Nach­hal­tig­keit ent­steht erst durch Zusam­men­hän­ge. Ein Immo­bi­li­en­port­fo­lio gleicht einem Fuhr­park: Ein ein­zel­nes opti­mier­tes Fahr­zeug hilft wenig, wenn die rest­li­che Flot­te Ener­gie verschwendet.

 

Her­aus­for­de­rung 2: Unein­heit­li­che Bewer­tun­gen ver­zer­ren Prio­ri­tä­ten
Tech­ni­sche Bewer­tun­gen sind wich­tig, doch sie sind oft nicht ver­gleich­bar. Eine rote Bewer­tung inner­halb eines Red-Flag-Reports ent­spricht einer gel­ben im nächs­ten. So ent­ste­hen Prio­ri­tä­ten, die sich am Gefühl ori­en­tie­ren statt an Fak­ten. Erst ein ein­heit­li­ches Bewer­tungs­ras­ter zeigt, wel­che Gebäu­de maß­geb­lich zur Gesamt­bi­lanz bei­tra­gen und wel­che kaum Ein­fluss haben. Die­se Trans­pa­renz ist der ers­te Schritt zu wirk­sa­men Entscheidungen.

 

Her­aus­for­de­rung 3: Kaum Pro­gno­sen für die Port­fo­lio­wir­kung
Vie­le Ver­ant­wort­li­che wis­sen, wie viel eine Maß­nah­me kos­tet, aber sel­ten, wel­chen Effekt sie auf das gesam­te Port­fo­lio hat. Ohne Pro­gno­sen ent­ste­hen Maß­nah­men­lis­ten, aber kei­ne Stra­te­gie. Ein­zel­ge­bäu­de wer­den auf­wen­dig saniert, wäh­rend die ent­schei­den­den Hebel unge­nutzt blei­ben. Wer Ver­brauchs­da­ten, Anla­gen­zu­stän­de und Nut­zungs­mus­ter sys­te­ma­tisch aus­wer­tet, erkennt plötz­lich kla­re Schwer­punk­te. Die größ­te Wir­kung ent­steht häu­fig durch klei­ne Ein­grif­fe an den rich­ti­gen Stellen.

 

Her­aus­for­de­rung 4: För­der­pro­gram­me ohne Ein­bet­tung
För­der­mit­tel kön­nen Pro­jek­te beschleu­ni­gen. Doch sie wer­den oft auf das ein­zel­ne Gebäu­de bezo­gen – nicht auf den Gesamt­nut­zen. Eine geför­der­te Maß­nah­me kann sinn­voll sein, aber im fal­schen Gebäu­de prak­tisch ver­puf­fen. Erst eine stra­te­gi­sche Ein­bet­tung zeigt, wel­che För­de­rung die Port­fo­lio­wir­kung maxi­miert, wel­che Kom­bi­na­tio­nen sinn­voll sind und wel­che Rei­hen­fol­ge den größ­ten Fort­schritt bringt.

 

Was hilft? Fünf Prin­zi­pi­en wirk­sa­mer Port­fo­lio­steue­rung
In der Pra­xis zeigt sich immer wie­der: Die gro­ßen Effek­te lie­gen nicht in tech­ni­schen Wun­dern, son­dern in kla­rer Struktur.

  1. Port­fo­lio sicht­bar machen: Trans­pa­renz ent­steht, wenn Bau­tei­le, Ver­brauchs­da­ten und Anla­gen zusam­men­ge­führt wer­den. Erst dann zeigt sich, wie Gebäu­de zusammenspielen. 
  2. Zustän­de ver­glei­chen statt beschrei­ben: Ein ein­heit­li­ches Ras­ter schafft Klar­heit. Es zeigt, wel­che Gebäu­de die Port­fo­lio­bi­lanz domi­nie­ren und wel­che kaum Ein­fluss haben. 
  3. Hebel­wir­kun­gen quan­ti­fi­zie­ren: Man­che Gebäu­de prä­gen den Ener­gie­ver­brauch des Port­fo­li­os stark, ande­re kaum. Ent­schei­dend ist ihr Ein­fluss auf das Gesamtbild. 
  4. Maß­nah­men prio­ri­sie­ren: Nicht alles lässt sich sofort umset­zen. Doch eine sinn­vol­le Rei­hen­fol­ge ent­schei­det, ob ein Port­fo­lio sta­gnie­ren wird oder sich ent­wi­ckeln kann. 
  5. Zie­le klar benen­nen: Wer weiß, wel­chen „Flot­ten­ver­brauch“ er errei­chen will, trifft bes­se­re Ent­schei­dun­gen. Zie­le bün­deln Kräf­te und geben Orientierung.

Die­se fünf Prin­zi­pi­en kön­nen die Per­spek­ti­ve ver­än­dern. Men­schen sehen ihr Port­fo­lio nicht mehr als Samm­lung ein­zel­ner Gebäu­de, son­dern als Sys­tem. Sie erken­nen Mus­ter, ver­ste­hen Wech­sel­wir­kun­gen und tref­fen Ent­schei­dun­gen, die wir­ken. Sie stel­len fest, dass Fort­schritt nicht ent­steht, wenn man mög­lichst viel saniert, son­dern wenn man das Rich­ti­ge saniert.

Am Ende geht es um Ori­en­tie­rung. Ein Port­fo­lio sen­det kla­re Signa­le, wenn man bereit ist, sie zu lesen. Die Fra­ge lau­tet daher nicht: „Wel­ches Gebäu­de moder­ni­sie­re ich als nächs­tes?“ Son­dern: „Wel­che Maß­nah­me ver­bes­sert die Gesamt­bi­lanz am stärksten?“

 

Über den Autor

Oli­ver Jain­ta ist Grün­der und geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter des Inge­nieur­bü­ros Build.ing Con­sul­tants + Inno­va­tors, das sich auf die Stei­ge­rung der Res­sour­cen­ef­fi­zi­enz sowohl im Gebäu­de­sek­tor als auch im pro­du­zie­ren­den Gewer­be fokus­siert. Zudem ist Jain­ta Co-Grün­der des Unter­neh­mens Build.ing Intel­li­gence, das eine Soft­ware-Lösung zur nach­hal­ti­gen Immo­bi­li­en-Ver­wal­tung anbietet.

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